Lebenswerke – wenn Senioren Industrie Designern was erzählen

Erstellt von Katja Grün

17.10.2018 Pflege und Betreuung

Das Wissen und die Lebensgeschichten der Bewohner der Contilia Seniorenstifte waren in den letzten sechs Monaten gefragt. Und das von zwölf Studierenden der Folkwang Universität der Künste. In einem partizipativen Designprojekt arbeiteten sie eng mit den Senioren zusammen. Ziel dieser Methode war es, die Expertisen der älteren Menschen aufzudecken und in den Gestaltungsprozess einzubeziehen, um das vorhandene Wissen und Können durch ein Produkt, eine Dienstleistung oder eine Performance für Dritte erfahrbar zu machen und es wertzuschätzen.

Was ist es, das Sie bewegt? Was würde Ihren Alltag verschönern? Was bräuchten Sie, um ein Hobby ausüben zu können? Was bedeutet für Sie Glück? Mit solchen und ähnlichen Fragen traten die jungen Leute an die Senioren heran und schnell wurde klar, wo besondere Interessen und Stärken lagen. Dazu entwickelten die angehenden Industrie Designer Ideen für Produkte und Dienstleistungen, mit denen Beschäftigungsangebote geschaffen, vereinfacht und professionalisiert werden können. In diese Gestaltungsprozesse waren die Senioren aktiv einbezogen und es wurde gemeinsam ausprobiert, verworfen und neu gestaltet, bis alles passte.

Entstanden sind acht Designideen, die die Studierenden als Werkstücke fertigten. Da gibt es z.B. die Radioecke, eine mobile Radiostation, die dem Bedürfnis der Senioren, ihr Wissen und ihre Geschichten weiter zu geben, genüge tut. Hier kann nun die eigene Radiosendung aufgenommen werden, eine Box mit vielen Stichworten für mögliche Themen sorgt für Anregung und Abwechslung.

In einem anderen Seniorenstift wurde die Briefstation entwickelt. Dem Wunsch, endlich mal wieder einen Brief zu schreiben, nachzukommen, ist für ältere Menschen manchmal gar nicht so einfach, erfuhren die Studierenden. Das Halten eines Stiftes allein ist manch einem nicht möglich. Daher entwickelten die beiden jungen Damen große Stempel mit Buchstaben und Motiven aus dem Alltag. Innerhalb kürzester Zeit entstehen hier nun auf buntem Papier wunderschöne Briefe. Vergissmeinnicht, Kreativpost, Tortenwerkstatt, Work and travel together, Plauderkuchen und Die Nähwerkstatt sind die Namen der weiteren Projekte, die man im Blog der Uni Folkwang im Detail erfahren kann (https://lebenswerke.folkwang-uni.de/).

Ein anderer Blick auf das Alter – nicht an den Defiziten orientiert, sondern an den Fähigkeiten und Ressourcen - der ist der Contilia immer wieder wichtig. Es gibt so vieles, das alte Menschen erlebt haben, von dem sie erzählen können, was sie anderen beibringen können. Und es gibt ebenso vieles, das sie genau wie junge Menschen noch wollen. Dabei sein, teilhaben, wichtig sein, eine Aufgabe haben, Spaß haben und ja, auch Blödsinn machen.

Diesen anderen Blick auf das Alter durften die Studierenden erleben. Bei der Abschlusspräsentation ihrer Werke im feierlichen Rahmen auf Zeche Zollverein kam dies immer wieder zum Ausdruck. Es war nicht nur für die Senioren eine spannende Zeit, in der sie Neues lernten und Einblick in die Welt des Industrie Design erhielten, sondern die Studierenden haben auch viel von ihren „Co-Designern“, wie sie liebevoll die Bewohner nennen, gelernt. Sie erspürten die Lebensgeschichten und zollten diesen ihren größten Respekt. Dieses Projekt wird sicher auf beiden Seiten noch lange nachhallen und schon jetzt ist klar, dass es eine zweite Projektphase geben wird.