Reportage: Wer nur den Rollstuhl sieht, übersieht Kübra Yilmaz
Erstellt von Sandra Lorenz
25.06.2026 Contilia Pflege und Betreuung, St. Marien Quartier, Contilia, Karriere, Pflege
Leise bewegt sich der Rollstuhl über den Flur des St. Marien Quartiers. Kübra Yilmaz hält vor einem Schrank an, schaut kurz nach oben und drückt einen Knopf. Langsam fährt die Sitzfläche ihres Rollstuhls in die Höhe. Sie greift nach den Unterlagen, fährt wieder hinunter, sortiert sie und arbeitet weiter. Es ist ein Ablauf, den sie kennt und einer von vielen in ihrem Arbeitsalltag. Später hängt sie einen Aushang für das Sommerfest auf. Sie richtet das Blatt aus, prüft den Sitz und korrigiert noch einmal, bis es gerade hängt. Es sind kleine Handgriffe, wie sie im Haus jeden Tag passieren. Bei Kübra Yilmaz dauern manche davon einen Moment länger, denn sie brauchen Geschick und eine genaue Bewegung.
Das zeigt sich auch in anderen Situationen: Kübra Yilmaz balanciert ein Tablett mit Wassergläsern sicher durch den Raum, lenkt ihren Rollstuhl ruhig zwischen Stühlen und Menschen hindurch und erreicht ihr Ziel, ohne dass etwas verschüttet wird. Sie transportiert eine Gießkanne, steuert damit in Richtung Ausgang. Auf dem Weg nach draußen achtet sie auf den Boden, auf Abstände, auf Menschen, die ihren Weg kreuzen.
Für viele Menschen ist die 31-Jährige am Empfang das erste Gesicht im Haus. Dort klingelt das Telefon, dort werden Fragen gestellt, Termine notiert, Informationen weitergegeben und Anliegen sortiert. Morgens fährt sie den Computer hoch, liest E-Mails, nimmt Gespräche entgegen und behält im Blick, was im Haus passiert. Manchmal klingeln mehrere Telefone fast gleichzeitig. Dann hört sie zu, notiert, gibt Auskunft und bleibt trotzdem für die Menschen, die vor ihr stehen, zugewandt.
Seit dem 1. Februar 2023 arbeitet sie im St. Marien Quartier. Für sie ist diese Stelle mehr als nur ein Arbeitsplatz. Sie bedeutet Selbstständigkeit, Anerkennung und die Möglichkeit, das einzubringen, was sie kann. Oft hatte sie erlebt, dass zuerst ihr Rollstuhl wahrgenommen wurde. Im St. Marien Quartier zählte etwas anderes: was sie kann, wie sie arbeitet und wie sie als Mensch und Kollegin ins Team passt.
Kübra Yilmaz ist Kauffrau für Büromanagement. Seit ihrer Geburt ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Sie kam mit Spina bifida, auch offener Rücken genannt, und einem Hydrocephalus, auch Wasserkopf genannt, zur Welt. Ihr Start ins Leben war schwer, denn sie musste schon als Säugling operiert werden.
Wenn sie heute darüber spricht, dann ohne Selbstmitleid. Ihre Geschichte gehört zu ihr. Doch wer mit ihr spricht, merkt schnell, dass sie nicht auf Diagnosen reduziert werden will. Kübra Yilmaz ist Kollegin, Ansprechpartnerin, Bürokauffrau, Katzenbesitzerin und vor allem eine Frau mit Humor und einem klaren Blick für ihre Fähigkeiten.
„Man muss für sich selbst einstehen“, sagt sie. Bei ihr klingt dieser Satz nicht wie ein Spruch, sondern wie Lebenserfahrung.
Der Weg in den Beruf war lang. Im Jahr 2017 schloss Kübra Yilmaz ihre Ausbildung am Berufsbildungswerk Volmarstein ab. Sie wollte arbeiten, Teil eines Teams sein und Verantwortung übernehmen. Doch nach der Ausbildung folgten viele Bewerbungen und Gespräche, die oft schwieriger waren, als sie vielleicht hätten sein müssen. Immer wieder hatte sie das Gefühl, dass nicht zuerst ihre Fähigkeiten gesehen wurden, sondern ihr Rollstuhl. Die zahlreichen Absagen verunsicherten sie. Manchmal zweifelte sie daran, ob sie überhaupt eine Chance bekommen würde. Trotzdem ließ sie nicht zu, dass andere ihre Möglichkeiten kleiner machten, als sie waren.
„Mut ist nicht, keine Angst zu haben. Mut ist, trotzdem weiterzugehen“, sagt sie entschlossen.
Im St. Marien Quartier wurde sie schließlich nicht nur eingeladen, sondern auch ernst genommen. Im Gespräch standen nicht zuerst die Einschränkungen im Mittelpunkt. Es ging um Aufgaben, Abläufe und darum, wie der Arbeitsplatz für sie funktionieren kann. Diese Haltung hat Kübra Yilmaz nicht vergessen. „Ich werde hier mit Respekt behandelt und nicht auf meine Einschränkungen reduziert“, sagt sie.
Ihr Arbeitstag beginnt lange bevor sie ihren Platz am Empfang einnimmt. Schon am Abend vorher legt sie ihre Kleidung bereit, packt ihre Tasche und richtet alles, was sie braucht. Morgens steht sie früh auf. Der Weg zur Arbeit ist über einen Fahrdienst organisiert. Bevor sie das Haus verlässt, muss auch Katze Kaymak, ihr Ruhepol, versorgt werden. Vieles, was andere nebenbei erledigen, benötigt bei ihr Planung, Zeit und Kraft.
Kübra Yilmaz bewegt sich sicher durch den Alltag im St. Marien Quartier. Sie verteilt Pakete und Zeitungen an die Bewohnerinnen und Bewohner, hilft, wo sie gebraucht wird, und packt spontan mit an. Einmal lenkt sie ihren Rollstuhl geschickt um den Rollstuhl einer Bewohnerin herum, um ihr beim Anziehen der Jacke zu helfen. Dann fährt sie weiter.
Besonders wichtig sind ihr die Begegnungen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Viele grüßen sie, bleiben kurz stehen, erzählen ihr etwas oder stellen ihr eine Frage. Die Mitarbeiterin am Empfang nimmt sich Zeit, hört zu und schenkt ihnen Aufmerksamkeit „Hier gibt es immer Momente, die einen zum Lächeln bringen“, sagt sie und lächelt auch dabei. Manchmal bekommt sie Sätze zu hören wie: „Sie sind immer fröhlich.“ Oder: „Ich bewundere Sie.“ Kübra Yilmaz nimmt solche Rückmeldungen dankbar an. Nicht, weil sie bewundert werden möchte, sondern weil darin ehrliche Anerkennung steckt.
Dass der Blick von außen nicht immer so respektvoll ist, erlebt sie bis heute. Es gibt Menschen, die sie in der Stadt anstarren und die sehen, dass ein kleiner Handgriff helfen würde, aber trotzdem nicht reagieren. Solche Situationen stören sie. Sie verletzen nicht immer laut, aber sie bleiben hängen. Schon in der Schule gab es Momente, in denen sie sich unverstanden fühlte und auch später begegneten ihr Menschen, die ihr weniger zutrauten. Solche Erfahrungen sind geblieben. Kübra Yilmaz spricht offen darüber, ohne sich davon bestimmen zu lassen.
Nicht jeder Tag ist leicht. Es gibt körperliche Grenzen, anstrengende Wege und kraftzehrende Situationen. „Ich kann das heute besser handhaben und bin dankbar für meine Gesundheit. Ich habe keine Krankheit, mit der man nicht umgehen kann“, sagt sie. Sie lebt selbstständig und weiß, was ihr guttut und sie weiß, dass es keine Schwäche ist, Hilfe anzunehmen.
Wenn Kübra Yilmaz über ihre Arbeit spricht, geht es oft um Rückhalt. Sie hat sich ihren Platz nicht schenken lassen. Sie hat Rückschläge erlebt, Zweifel ausgehalten und ist trotzdem weitergegangen. „Das Miteinander mit meinen Kolleginnen und Kollegen bringt mich zum Lächeln. Mir wird Mut geschenkt.“
Bemerkenswert ist nicht, dass Kübra Yilmaz im Rollstuhl arbeitet, sondern wie. Sie ist aufmerksam und zugewandt. Am Empfang behält sie den Überblick, hört zu und sieht, wo Unterstützung gebraucht wird. Die Hürden in ihrem Alltag kennt sie genau und redet sie nicht klein, aber sie lässt sie auch nicht über ihr Leben bestimmen.
Pressekontakt: Sandra Lorenz | Bereichsleiterin Öffentlichkeitsarbeit und Soziales
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Fotos: Sandra Lorenz, Contilia Pflege und Betreuung



