Mit Vertrauen hoch hinaus – Kletterworkshop für junge Diabetiker-Typ 1 und ihre Freunde

Erstellt von Anja R. Steinhoff

20.08.2018 Diabetes, Kinder- und Jugendmedizin

Für 15 Jugendliche war es ein Highlight in den Sommerferien: der Kletterworkshop am dritten Juli-Wochenende, zu dem die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Elisabeth-Krankenhaus erstmalig eingeladen hatte. Angesprochen waren Jungen und Mädchen mit Diabetes Typ 1 im Alter zwischen 13 und 17 Jahren, die als Patienten in der kinderdiabetologischen Ambulanz versorgt werden. Und das Beste: Sie durften einen Freund bzw. Freundin zu diesem kostenlosen Angebot mitbringen. Drei Tage lang drehte sich alles um Stärken, Vertrauen, Verantwortung, Bewegung und Geschicklichkeit.

Gestartet wurde am Freitag zunächst mit einem Empowerment-Workshop. Unter der Leitung von Kim Sternemann, ILP Couch und Yogalehrerin, waren die Teilnehmer aufgefordert, sich zum Thema „Diabetes? Kein Hindernis!Herausforderungen als Chance“  ihre eigenen Gedanken zu machen. Was sind meine Ressourcen? Was kann ich tun, auch wenn es mal nicht „rund“ läuft? Welche besonderen Stärken habe ich, gerade weil ich mit dem Diabetes lebe? Lalia (16) zum Beispiel ist dankbar, dass sie aufgrund ihrer Diabeteserkrankung ihre Ziele schneller erreicht. Und für Nele (14) ist seit dem Workshop klar, dass sie aufgrund des Diabetes verantwortungsbewusster mit ihrem Körper umgeht.

Einblick auch für Freunde

Auch für die teilnehmenden Nicht-Diabetiker waren die drei Tage sehr aufschlussreich. „Wer einen Freund oder eine Freundin mit Diabetes mellitus hat, ist im Umgang mit der Erkrankung nicht selten verunsichert“, so Andrea Engels, die als Oecotrophologin und Diabetesassistentin DDG im Elisabeth-Krankenhaus Essen die Jugendlichen in Ernährungsfragen berät. „Für die Freunde unserer jungen Patienten war es gut zu sehen, dass das Leben mit Diabetes zwar täglich eine Herausforderung ist, es gleichzeitig aber nur wenige Einschränkungen gibt, sofern die Betroffenen auf sich achten und bestimmte Regeln einhalten. Mit unserem Angebot wollen wir Berührungsängste abbauen und den Jugendlichen zeigen: Es hilft, in allen Situation einen guten Freund an seiner Seite zu haben, gleichgültig ob mit oder ohne Diabetes.“

Mit Mut in luftige Höhen

Nach einem gemeinsamen Mittagessen ging es dann ans Klettern. An diesem und den beiden Folgetagen absolvierten die Jungen und Mädchen im Kletterzentrum Essen Neoliet einen Grundkurs im Toprope Klettern. Hier lernten sie mit den Trainern Benni und Mathias alles Wissenswerte kennen - von Kletterschritten, Sicherungsabläufen über die Materialkunde bis hin zu Fall- und Stürzübungen. „Ziel des Kletterworkshops ist es, dass die Jugendlichen ihre vorhandenen Kompetenzen stärken und neue hinzugewinnen. In allererster Linie gehört dazu eine gute Selbsteinschätzung. Während sie allmählich in luftige Höhen klettern, müssen sie zugleich die eigenen Grenzen oder zumindest ein mulmiges Gefühl überwinden, wenn sie von oben nach unten blicken. Das erfordert schon Mut!“, erklärt Dr. Katja Konrad.

Klettern stärkt vielseitige Kompetenzen und Fähigkeiten

Die Diabetologin DDG ist als Leitende Oberärztin auch für die Kinderdiabetologie in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin zuständig. Sie sieht noch weitere Vorteile: „Beim Klettern geht es um die eigene Körperwahrnehmung. Alle Muskeln von Kopf bis Fuß werden trainiert – auch solche, die normalerweise nicht beansprucht werden. Die Jugendlichen lernen neue Bewegungsmuster kennen, verbessern ihre Körperspannung sowie ihre Gleichgewichts- und Reaktionsfähigkeit. Aber das Wichtigste: Beim Klettern geht es auch immer um die Kommunikation zwischen den Kletterpartnern und um das gegenseitige Vertrauen.“ Konrad und Engels begleiteten die Gruppe zusammen mit Diabetesberaterin (DGG) Victoria Zerbst während der drei Tage. Sie machten nicht nur selbst bei den Kletterübungen mit, sondern standen auch mit regelmäßigen Blutzuckerchecks sowie vielen Tipps den Teilnehmern zur Seite. „Das Wochenende bot genügend Raum für Fragen, die die Jugendlichen bei den regelmäßigen Untersuchungsterminen nicht unbedingt stellen würden. Gleichzeitig konnten wir feststellen, dass die Jugendlichen sich untereinander vernetzen“, betont Zerbst. „Es war schön zu sehen, wie stolz vor allem die Jüngeren waren, uns Erwachsene sichern zu dürfen.“

Vertrauen ist das A und O

Auch die Teenager fanden das erlebnispädagogische Angebot klasse. „Während wir kletterten und uns gegenseitig sicherten, haben wir viel gelernt. Zum Beispiel, dass es nur mit Vertrauen funktioniert“, stellt Sophia (16) fest. „Wenn ich hoch oben in der Wand bin, muss ich mich darauf verlassen können, dass meine Freundin unten auf dem Boden auf mich Acht gibt – und umgekehrt. Das ist schon eine große Verantwortung.“ Amier (14) findet den Kletterkurs „einfach nur toll. Er war eine super Abwechslung in den Sommerferien und hat riesigen Spaß gemacht.“ Am Ende des Kurses bekamen die Teilnehmer den offiziellen Toprope-Kletterschein, der die Jugendlichen ab 14 Jahren befugt, auch alleine in der Halle zu klettern. Auch das Kinderdiabetes-Team ist immer noch begeistert: „Es war beeindruckend zu erleben, welche Stärken die Jugendlichen haben. Der Diabetes war dabei, aber hauptsächlich ging es um das gemeinsame Erleben und Vertrauen, nicht nur untereinander, sondern auch gegenüber unserem Diabetes-Behandlungs- und Beratungsteam“, so Konrad. „Das Ergebnis unserer Premiere zeigt: Es hat sich in jedem Fall gelohnt. Wenn möglich, werden wir diesen Workshop auch in Zukunft anbieten.“


Der Kletterworkshop konnte dank der finanziellen Unterstützung der Firmen Sanofi-Aventis Deutschland und Abbott stattfinden. Abbott  stellte zudem das Flashglukose System Free Style zur Verfügung, das die Jugendlichen mit Diabetes-Typ 1 unentgeltlich testen und behalten durften.