Helfen, wo es sinnvoll ist – Elisabeth-Krankenhaus Essen bringt Expertise nach Peru

Erstellt von Anja R. Steinhoff

11.06.2018 Kinder- und Jugendmedizin

Gut essen, sich austauschen und solidarisch Gutes tun. Dazu trafen sich Anfang Juni Vertreter von Contilia und Adveniat mit Unterstützern. Neben Informationen über die pastorale Arbeit des Apostolischen Vikariats im nordperuanischen Jaén stand das dortige Angebot der Tagesklinik für Kinder und Jugendliche mit Zerebralparese (CP) sowie die weitere deutsch-peruanische Zusammenarbeit in diesem Projekt im Mittelpunkt. Die Zerebralparese gehört zu den Behandlungsschwerpunkten von Dr. Claudio Finetti, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Elisabeth-Krankenhaus Essen, der zusammen mit Thomas Jung von Adveniat die Arbeit in Peru 2017 vor Ort kennenlernen durfte.

2016 entstand die Initialzündung für die Zusammenarbeit

Schon 2016 hatte das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat einen Austausch zwischen dem Elisabeth-Krankenhaus Essen und dem Gesundheitszentrum des Vikariats Jaén im Amazonasgebiet Perus über die Behandlungsmöglichkeiten für Kinder mit Zerebralparese vermittelt. Betroffene leiden unter einer Schädigung des Gehirns – meist entstanden vor oder während der Geburt. Sie haben Bewegungsstörungen, können meist kaum laufen, und ihre Sprachfähigkeit ist eingeschränkt. Die körperliche Behinderung ist zwar nicht heilbar, aber die Symptome können gelindert und die Lebensqualität der Betroffenen und ihrer Familie kann verbessert werden.

Bei einem Besuch von Bischof Alfredo Vizcarra im Dezember 2016 in Essen entstand die Initialzündung für erste konkrete Schritte der Zusammenarbeit. Der Bischof informierte sich bei Dr. Claudio Finetti, der nicht nur Chefarzt der Kinder- und Jugendklinik im Elisabeth-Krankenhaus Essen ist, sondern dort auch das Kinderneurologische und Sozialpädiatrische Zentrum leitet. „Anfangs dachten wir, dass wir Bischof Vizcarra zeigen, wie wir in Deutschland Medizin verstehen“, erklärt Finetti die ursprüngliche Idee. “Wir haben aber durch die Gespräche mit ihm sehr schnell erkannt, dass es besser ist, wenn wir vor Ort, in Südamerika, schauen, was schon vorhanden ist und was man mit unserer Unterstützung besser machen kann.“

Glückliche und zufriedene Kinder

Aus diesem Grund reiste Finetti gemeinsam mit Thomas Jung, Bildungsreferent bei Adveniat, im September 2017 für eine Woche nach Jaén, um die Arbeit des Zentrums für Zerebralparese kennenzulernen. In dieser Tagesklinik werden derzeit zwölf erkrankte Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren wochentags von 8 bis 15 Uhr betreut und versorgt. Dazu gehört auch ein täglicher Hol- und Bringedienst. Im Rahmen der Tagespflege erhalten die Kinder und Jugendlichen zweimal täglich eine Mahlzeit sowie verschiedene Anwendungen wie Atem-, Aroma-,  Multisensorik-  oder basale Stimulationstherapie. Keine Selbstverständlichkeit in einem Land, das sich in vielerlei Hinsicht nicht mit deutschen Versorgungsstandards messen lässt. „Vieles ist gewöhnungsbedürftig für unsere Verhältnisse“, so Finetti, der jedoch gleichzeitig betont, wie glücklich und zufrieden die Kinder auf die Besucher wirkten. „Da gab es kein Geschrei, keine Schmerzen, keine Sedierungen! Die Therapien sind sanft, die Kinder genießen es. Das konnten wir spüren.“

Hingebungsvolle Betreuung

Für den Kinderarzt mit Leib und Seele leistet das Team in Jaén Enormes. „Die Betreuung dieser schwerstbehinderten Kinder ist in Deutschland schon eine große Herausforderung,“ erklärt Finetti. Er und Jung waren begeistert angesichts des hohen Engagements, der großen Identifikation und Hingabe, mit der die zwölf Kinder und Jugendlichen mit Zerebralparese im CP-Zentrum betreut werden. Sowohl das Fachpersonal - bestehend aus einer Krankenschwester und einer Physiotherapeutin - als auch die mitarbeitenden Mütter kümmern sich aufmerksam und körpernah um die kleinen Patienten. „Wir konnten nicht unterscheiden, wer Mutter oder Pflegekraft war, so gut waren die Eltern angelernt und in die Versorgung eingebunden.“ Kein Wunder, denn die Mütter sind Teil des Zentrums. Sie arbeiten gegen ein kleines Entgelt jeweils für zwei Monate im Jahr im Zentrum mit und bekommen dafür die Gelegenheit, eine Ausbildung z.B. als Bäckerin zu absolvieren. Einmal im Monat treffen sich alle Angehörige zu einem Erfahrungsaustausch.

Angebot ist ausbaufähig

Bei allem Lob, einiges ist auch noch verbesserungsbedürftig, beispielsweise die medizinische Versorgung oder die Betreuung der sogenannten „Schattenkinder“, also der Geschwister der Jungen und Mädchen mit Behinderung. Auch die Arbeit der Gesundheits-Multiplikatoren ist ausbaufähig, um den Fortbestand und die Weiterentwicklung des Angebotes zu sichern. „Es handelt sich hier um eine Inselsituation mit nahezu paradiesischen Rahmenbedingungen und gerade mal zwölf Plätzen. Der Bedarf ist allein in Jaén um ein Vielfaches höher,“ sagt Thomas Jung und betont, dass hierbei noch nicht mal die betroffenen Familien der Land- und Urwaldbevölkerung berücksichtigt sind, für die die Tagesklinik zu entfernt ist.

Wissen transportieren, sinnvoll unterstützen

„In unserer Zusammenarbeit mit Jaén geht es darum, Wissen zu transportieren. Und zwar nicht als Einbahnstraße, denn auch wir können viel aus diesem Projekt lernen,“ betont Finetti. Daher freuen sich alle Projektbeteiligten auf den Arzt aus Jaén, der im September für drei Wochen nach Essen kommt und davon 14 Tage im Elisabeth-Krankenhaus Essen hospitieren wird. „Anschließend schauen wir, wie wir unsere Kooperation vertiefen können, wo wir mit welchen Maßnahmen die Arbeit in Jaén konkret unterstützen können. Eine Idee ist zum Beispiel der telemedizinische Fachaustausch.“

Die versteckten Kinder in die Mitte der Gesellschaft holen

Heinz D. Diste, Geschäftsführer der Contilia GmbH, sieht in dem Angebot des CP-Zentrums in Jaén einen Beitrag, Krankheit und Behinderung zu enttabuisieren und in das Bewusstsein der Gesellschaft zu holen. Und Prälat Hans-Werner Thönnes ergänzt: „Kranke und behinderte Menschen in Südamerika werden meist vor der Öffentlichkeit versteckt. So war es vor nicht allzu langer Zeit bei uns auch. Es hat mich sehr beeindruckt, dass die Kirche in Jaén und allen voran der Bischof die versteckten Kinder sichtbar macht und sie in die Mitte der Gesellschaft holt - sie und ihre Familien.“ Im Vergleich zu Deutschland merkt er an: „Bei uns gibt es zahlreiche Vorschriften zu Aspekten wie Sicherheit, Hygiene, Datenschutz etc. Doch über das Regelwerk, das uns hilft, haben wir auch auch viel Ursprünglichkeit und Nähe verloren.“

Jede Hilfe zählt: Zeit, Sorgsamkeit und Restcent-Spenden

Für Adveniat-Geschäftsführer Stephan Jentgens ist die Zeit und die Sorgsamkeit, mit der sich die Beteiligten dem Projekt widmen, sowie das Engagement der Contilia Belegschaft dankenswert. Schon seit Jahren unterstützen Contilia Mitarbeiter die Arbeit von Adveniat mit dem Restcent ihrer monatlichen Gehaltszahlung – das ist der Betrag hinter dem Komma. Im Jahr kommen hier einige tausend Euro zusammen. „Es ist gut, dass die Menschen erkennen, dass sie großes Glück verspüren, hier in Deutschland leben zu dürfen, aber auch die Freude des Schenkens und Teilens empfinden.“

Spendenkonto

Wenn auch Sie für dieses Projekt spenden möchten:

IBAN: DE 03 3606 0295 0000 0173 45
Verwendungszweck
Stichwort: Gesundheitspastoral Peru


Bildunterschrift (Titel):

Von links: Thorsten Greth (Klüh), Prälat Hans-Werner Thönnes (Ruhrbistum), Stephan Jentgens (Adveniat), Peter Waldecker (Klüh), Sr. M. Heriburgis (Ordensgemeinschaft der Barmherzigen Schwestern von der hl. Elisabeth), Martin Blasig (Contilia GmbH), Pater Michael Heinz (Adveniat), Dr. Albert Petersheim (Dom-Apotheke), Heinz D. Diste (Contilia GmbH), Peter Berlin und Dr. Claudio Finetti (beide Elisabeth-Krankenhaus Essen), Thomas Jung und Markus Krings (beide Adveniat).